Schritt 1 – Lesen: Lerne die zwei großen Arten der Dichtung kennen. Aufgabe 1: Sortiere die Merkmale. Aufgabe 2: Erschließe einen Originaltext aus dem „Parzival".
An den Höfen wurde nicht nur gefeiert und gekämpft – dort wurde auch gedichtet. Wenn am Abend die Fackeln brannten, lauschte die festliche Runde den Worten der Dichter. Zwei große Formen beherrschten diese Kunst: das höfische Epos und der Minnesang. Wer sie unterscheiden kann, findet sich in der ganzen Literatur dieser Zeit zurecht.
Ein höfisches Epos ist eine lange Erzählung in gereimten Versen. Es folgt einem Ritter auf seinen Abenteuern – im Mittelhochdeutschen nennt man ein solches Wagnis âventiure. Der Held zieht aus, besteht gefährliche Proben, strauchelt, macht Fehler und reift dabei innerlich. Solche Epen wurden in der Halle vorgetragen oder vorgelesen, oft über viele Abende hinweg. Berühmte Beispiele sind „Parzival", „Iwein" und „Tristan".
Ganz anders der Minnesang: Er besteht aus kurzen Liedern, die gesungen wurden – getragen von einer zarten Melodie und vorgetragen vor adligem Publikum. Sein großes Thema ist die hohe Minne: die sehnsuchtsvolle Verehrung einer edlen Dame, die hoch über dem werbenden Sänger steht und seine Liebe oft gar nicht erwidert. Der berühmteste Meister dieser Kunst war Walther von der Vogelweide.
Wörter: Epos = lange Erzählung · âventiure = Abenteuer · Minne = (höfische) Liebe · Lyrik = Dichtung in Versen, oft gesungen
Das höfische Epos (griech. épos = Wort, Erzählung, Lied, Gedicht) ist eine Form der erzählenden Literatur (Epik), die im Hochmittelalter (um etwa 1200) sehr beliebt war.
Als höfisch bezeichnet man diese Dichtung deshalb, weil sie für den Vortrag an den Höfen der Adligen bestimmt war und das Lebensgefühl der höfischen Gesellschaft (Ritter und adelige Damen) zum Ausdruck brachte.
Die Texte sind in Versform, meist in Paarreimen, verfasst. Häufig werden darin Sagen erzählt, oft mit keltischem Ursprung (z. B. „König Artus") oder aus der Antike (z. B. „Alexander").
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Den „Parzival" verfasste Wolfram von Eschenbach zwischen 1200 und 1210. Das Werk ist in Versform und in mittelhochdeutscher Sprache geschrieben – einem Vorläufer unserer heutigen Standardsprache. In dieser Szene trifft der junge, weltfremde Parzival zum ersten Mal auf Ritter und stellt seine naiven Fragen:
der knappe frâgte fürbaz
„du nennest ritter: waz ist daz?
hâstu niht gotlîcher kraft,
sô sage mir, wer gît ritterschaft?"
„daz tuot der künec Artûs.
junchêrre, komt ir in des hûs,
der bringet iuch an ritters namn,
daz irs iuch nimmer durfet schamn.
ir mugt wol sîn von ritters art."
Lesehilfe: knappe = junger Diener eines Ritters · frâgte fürbaz = fragte weiter · waz ist daz = was ist das · gotlîcher kraft = göttliche Kraft · wer gît ritterschaft = wer verleiht die Ritterwürde · daz tuot = das tut · künec Artûs = König Artus · komt ir in des hûs = kommt ihr an seinen Hof · bringet iuch an ritters namn = verleiht euch den Ritternamen · durfet schamn = müsst euch schämen · von ritters art = von ritterlicher Abstammung
Lies den Originaltext mithilfe der Lesehilfe und beantworte die Fragen zum Inhalt.
Schreibe in 2–3 Sätzen, was in diesem Ausschnitt passiert. Was fragt der junge Parzival, und welche Antwort bekommt er?
Der junge Parzival weiß nicht einmal, was ein Ritter ist. Er fragt, wer einen überhaupt zum Ritter machen kann. Die Antwort: Das tut König Artus – wer an seinen Hof kommt, wird zum Ritter geschlagen und braucht sich dafür nie zu schämen, zumal Parzival ohnehin „von ritterlicher Abstammung" sei. Die naive Frage zeigt, wie unerfahren („tump") Parzival am Anfang noch ist.